Inno-Motion: ein neuer Stuhl gegen Rückenprobleme

Mit «bewegtem Sitzen» will das Startup Inno-Motion gegen Rückenprobleme ankämpfen. Über die Ostertage erschien in der Sonntagszeitung ein längerer Bericht über das Vorhaben von Dr. Patrick Künzler, der auch von venture kick erfolgreich unterstützt wurde.

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Bewegung und lange Bürotage passen nicht zusammen. Die stundenlange Sitzerei vor dem PC gleicht eher einem ergonomischen Schwerverbrechen: der Nacken steif, der Rücken krumm.

Mit einem neuen Stuhl will ein kleines Schweizer Unternehmen jetzt Abhilfe schaffen. «Er soll Bewegung in den sitzenden Alltag bringen», sagt Patrik Künzler, Arzt, Hirnforscher und Kopf der Firma Inno-Motion. Sein Stuhl hat mit normalem Sitzen nicht mehr viel zu tun. «Es ist vielmehr eine Stütze, die zur bewussten und unbewussten Bewegung auffordert», sagt der 41-Jährige. Der Sitz kultiviert das Zappeln. Und wenn es nach Künzler geht, soll künftig nicht nur in Büros, sondern auch in Autos und Flugzeugen ordentlich gezappelt werden.

Die Idee für das bewegte Sitzen hatte Künzler vor etwa fünf Jahren während seines Forschungsaufenthalts am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Er arbeitete dort am Media Lab - einer kreativen Ideenschmiede für Alltagstechnologie - und wirkte beim Projekt «Smart Cities» mit. Im Team aus Ingenieuren, Architekten und Ärzten galt es ein Auto zu konzipieren, in dem der Fahrer die Kurvenfahrt authentisch erleben kann. «Wie man es vom Skifahren kennt», sagt Künzler. Die Lösung fand er im neuen Sitzkonzept.

Die wichtigsten Elemente: zwei Sitzschalen - für jeden Oberschenkel eine. Sie sehen aus wie ergonomisch geformte Dachrinnen und berühren nur die Hinterseite des Oberschenkels, und zwar von der Kniekehle bis zum Gesässknochen. Einzig der Bereich um die Knieinnenseite wird zusätzlich gestützt; Steissbein und Schritt bleiben frei. Die Sitzschalen sind auf einer Federkonstruktion angebracht und in alle Richtungen bis zu einem gewissen Grad frei und unabhängig voneinander beweglich. Nach dem erfolgreichen Test im Auto montierte Künzler die Schalen inklusive Unterbau auf ein klassisches Bürostuhlgestell. Eine Rückenlehne gibt es nicht, die Sitzfläche ist derart hoch gebockt, dass die Füsse über dem Boden baumeln können. «So hat man die grösstmögliche Bewegungsfreiheit», sagt Tüftler Künzler.

Am MIT nahmen Hunderte von Probanden Platz. Künzler beobachtete und befragte die Testsitzer und besserte den Stuhl stetig nach. Bei der Schalenkonstruktion berücksichtigte er auch Berührungspunkte, die mit angenehmen Gefühlen oder gesteigerten Konzentrationszuständen assoziiert sein sollen. «Yoga und Massage bedienen sich ähnlicher Mechanismen», sagt er. Wissenschaftlich bewiesen sind die Zusammenhänge allerdings nicht. Zwei Prototypen, die ein wenig an Gynäkologenstühle erinnern, stehen derzeit in der Inno-Motion-Werkstatt im Zürcher Kreis 4, die gleichzeitig Künzlers Wohnung ist.

Bei der Sitzprobe fühlt sich der Stuhl zunächst ziemlich kippelig an. Selbst wenn man ruhig sitzt, müssen Beckenboden-, Gesäss-, Bauch- und untere Rückenmuskulatur ständig arbeiten. Doch schnell will man nach vorne und hinten kippen, nach rechts und nach links; die Beine werden gegrätscht und gebeugt. Bei der Turnerei fühlt man sich wie von Geisterhand gestützt. Das ist laut Künzler auch einer der Vorteile zum Sitzball. «Da braucht man zum Aufrechtsitzen viel mehr Muskelkraft. Das ermüdet.» Inzwischen sind auch die ersten Interessenten überzeugt. Eine Serie von zehn Stühlen ist verkauft, pro Stück für rund 5000 Franken. Jeder Stuhl ist eine Massanfertigung. Einer der Käufer ist Richard Hahnloser, Professor für Neuroinformatik an der ETH und Universität Zürich. Er hofft, dass mit dem Stuhl seine Rückenprobleme verschwinden. Probegesessen hat er schon: «Es fühlt sich fast schwerelos an, angenehm schaukelnd, als wäre ich mit einem kleinen Baum verwurzelt.» Auch der erste prüfende Blick eines Biomechanikers fiel positiv aus. Silvio Lorenzetti von der ETH Zürich sagt: «Jede Bewegung ist wertvoll, die vom statischen Sitzen wegführt.»

Und so kann Inno-Motion derzeit mit gestärktem Rücken auf die Suche nach Interessenten gehen. Einen Kooperationspartner haben sie schon: Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ). Dort wurden die Schalen probeweise in die Sitzflächen einer Kranführerkabine des Kehrichtheizkraftwerks eingebaut. Der Stuhl soll die Kranführer, die den ganzen Tag hochkonzentriert nach unten schauen, bei ihrer Arbeit unterstützen. Künzler hat noch ganz andere Visionen. Er will seinen Stuhl etwa ins Flugzeug bringen, ihn zu Therapiezwecken einsetzen und als Fitnessgerät. Zudem bastelt er gerade an einem neuen «bewegten» Möbelstück: einer Liege. «Damit kann man im Wohnzimmer Rückenschwimmen.»

Aus der Sonntagszeitung, 4. April 2010, Cécile Bähler und Sabine Olff

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