Gottlieber Hüppen: zwischen Tradition und Moderne

Von Schoggi verstand er wenig. Von Hüppen gar nichts. Das hat Dieter Bachmann, Jury-Mitglied von venture kick und Referent an den venture apéros, aber nicht davon abgehalten, die Thurgauer Hüppen-Grossbäckerei Gottlieber Spezialitäten AG im Sommer 2008 zu übernehmen.

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Dieter Bachmann von Gottlieber Spezialitäten AG bei der Arbeit im Betrieb (FotoGacciolo, Kreuzlingen)

Wer sich selbständig machen will, muss nicht unbedingt eine Firma gründen. In den nächsten fünf Jahren stehen laut einer Studie der Universität St. Gallen zum Thema «erfolgreiche Unternehmensnachfolge» rund 80‘000 Schweizer Firmen zum Verkauf bzw. zur Nachfolgeübernahme auf dem Markt.

Die Herausforderung gepackt
Dieter Bachmann hat die Herausforderung einer Übernahme in Form einer Nachfolgeregelung gepackt und sich als Hauptaktionär an die Spitze eines traditionellen Thurgauer Familienunternehmens gestellt. Die Übernahme scheint sich positiv auszuwirken: Seit er an Bord ist, werden die Crêpe-Röllchen mit der feinen Pralinéfüllung wieder häufiger – und neu auch in exklusiven Linien verkauft.

Eine lange Tradition
Über 80 Jahre ist es her, seit Elisabeth Wegeli von ihrer Nachbarin zwei Waffeleisen erwarb und damit den Grundstein zur Gründung der heute international bekannten Hüppenbäckerei Gottlieber Spezialitäten legte. Dabei setzte sie auf ein traditionelles Gebäck, das im Thurgauer Dörfchen Gottlieben schon im 19. Jahrhundert Staatsmänner wie Napoleon III begeistert hatte: hauchdünn gerollte Crêpes mit einer süssen Füllung. Bis 2008 blieb das Unternehmen, das sich über die Jahre von der kleinen Dorfbäckerei zum industriellen Betrieb mit gegen 50 Mitarbeitenden entwickelt hatte, in den Händen der Nachkommen der einstigen Firmengründerin.

Kein Schoggi-Job
Mit der Übernahme des Familienbetriebs im Zuge der Nachfolgeregelung suchte sich Dieter Bachmann keinen Schoggi-Job aus. Obwohl das Unternehmen noch gut im Schuss war, musste er gewisse Bereiche wie zum Beispiel das Marketing oder den Verkauf auf eine neue Grundlage stellen, um im hart umkämpften Confiserie-Markt am Ball bleiben zu können. Dabei setzte der ehemalige Standortförderer von Winterthur unter anderem auch auf neue Produktelinien im oberen Preissegment, modernere Verpackungen und eine ganze Reihe von neuen Geschmacksrichtungen.

Alte Werte überdenken
Neben den Veränderungen punkto Produkte und Strategie galt es zudem, sämtliche Organisationsprozesse zu überdenken und auch alte Werte in Frage zu stellen. Bachmann: «Mit einer Übernahme gehen automatisch Veränderungen einher. Mit mir kam sicher ein härterer Wind ins Unternehmen. Vor meiner Zeit gab es beispielsweise keine eigentliche Geschäftsleitung. Das haben wir geändert. Jetzt müssen die Leute vermehrt mitdenken. Die Verantwortung ist jetzt auf mehrere Schultern verteilt. Mit der Umstrukturierung und der verstärkten Fokussierung aufs Kerngeschäft musste zudem der eine oder andere Arbeitsplatz abgebaut werden. Das war eine nötige aber sehr schmerzhafte Aufgabe, vielleicht auch gerade, weil das bei einem Familienunternehmen immer ein Tabu ist.» Für das Unternehmen haben sich die Veränderungen jedenfalls gelohnt: 2008 und 2009 verzeichnete Gottlieber Spezialitäten unter der neuen Führung ein zweistelliges Wachstum – und für einen Teil der entlassenen Mitarbeitenden konnten Stellen in anderen Funktionen wieder angeboten werden.

Neben Brüchen auch die Kontinuität wahren
Neben Brüchen, Umstrukturierungen und Änderungen hat Bachmann aber auch versucht, Kontinuität zu wahren. Das ist ihm nur schon dadurch gelungen, dass er den früheren Inhaber Urs Brauchli für eine weitere Mitarbeit im Unternehmen gewinnen konnte. «Dass Urs Brauchli nach wie vor am gleichen Strick zieht, ist sehr wertvoll, da so sehr viel Know-how erhalten blieb. Das ist quasi der Idealfall, den es bei einer Übernahme geben kann», ist Bachmann überzeugt. Dass diese so glücklich verlaufen ist, hat seiner Meinung nach verschiedene Gründe: «Wir haben uns Zeit genommen. Eine Nachfolgeregelung in die Wege zu leiten, ist nicht eine Sache von ein paar Tagen. Da spielen viele Emotionen mit, menschliche Beziehungen sind dabei ungeheuer wichtig. Da braucht es Einfühlungsvermögen, Sensibilität und man muss gegenseitiges Vertrauen aufbauen können. Geld spielt eher eine sekundäre Rolle.»

Preis nicht an erster Stelle
Genau da liegt für Bachmann auch eine Chance für angehende Jungunternehmer. Es müsse gar nicht so furchtbar teuer sein, ein Unternehmen zu kaufen, erklärt er, denn: « Einem richtigen Unternehmer geht es nicht in erster Linie nur um dem Preis. Vielmehr liegt ihm die erfolgreiche Weiterführung des gegründeten Unternehmens am Herzen.»

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annual report 2013

Mehr als 11 Mio. an Startkapital, über 298 finanzierte Startups, mehr als 464 Mio. an Folgefinanzierungen und 2433 neue Jobs - dies ist der Erfolgsausweis von venture kick seit die private Initiative im Herbst 2007 ins Leben gerufen wurde (Konsortium).

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Eine philanthropische Initiative eines privaten Konsortiums

Wissenschaftliche Innovationen in die Marktwirtschaft zu transferieren und damit nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen ist der Schlüssel für sozialen und wirtschaftlichen Wohlstand. Startups sind besonders in den Anfängen hohen wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt, die weder von öffentlichen Geldern, noch von privaten Investoren abgefedert werden. Diese Lücke zu schliessen und Startups in einer sehr frühen Phase zu unterstützen ist wichtig und eine philantropische Aufgabe.